Denken, beurteilen, glauben, wissen – Ein Weckruf zum Nachdenken mit dem eigenen Kopf

VGO_1027_1000

In Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland steht:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Die sozialen Medien und das Internet haben uns eine früher nicht dagewesene Freiheit bei der Beschaffung von Informationen beschert. Jeder kann zu jeder Zeit alles lesen und alles mögliche schreiben und verbreiten. Diese Informationsvielfalt hat aber auch bewirkt, dass wir nicht mehr davon ausgehen können, dass Informationen von seriösen Journalisten überprüft, lektoriert oder auf sonstige Weise zumindest von mehreren Menschen geprüft worden sind. Es kann sich bei einem Artikel auch um eine Einzelmeinung, eine Ansicht oder aus unklaren ideologischen Beeinflussungen entstandene Verlautbarung handeln, deren Hintergründe der Entstehung wir nicht kennen. Sogar bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind Ergebnisse nicht sicher geprüft, auch dort können durch andere Interessen geprägte Artikel veröffentlicht werden.

Die Quelle einer Information ist oft nicht auszumachen, die auslösende Motivation erst recht nicht.

Ich beobachte, dass bei Informationen, die in sozialen Netzen und im Internet allgemein kursieren, oft nicht hinterfragt wird, wer sie in die Welt gesetzt hat, nicht gefragt wird, ob sie überhaupt Tatsachen entsprechen und inwieweit berichtete Ereignisse objektiv überprüft werden. So können die wildesten Spekulationen, Unrichtiges, Unwahres, Verschwörungstheorien, die nicht als solche gekennzeichnet sind, sondern sich als Tatsachen ausgeben und der größte Blödsinnn unter die Leute gebracht werden.

Die Fülle der Informationen, die Möglichkeiten Dinge zu recherchieren ohne Tage in Bibliotheken zu verbringen, ist wunderbar. Sich an verschiedenen Stellen zu informieren mit den vielen verschiedenen Quellen verlangt uns aber ab, dass wir Informationen beurteilen. Wer nicht bereit ist, jede Informationen einer Beurteilung zu unterziehen, muss in Kauf nehmen, dass er Fehlinformationen aufsitzt, sich ein Weltbild zusammensetzt, das einer objektiven Prüfung auf Tatsachen nicht standhält. Das ist gefährlich. Gleichwohl auch verführerisch weil es so einfach ist, einfach zu glauben, was da steht und nicht zu überprüfen, ob es wahr ist oder ob es überhaupt wahr sein kann.

Beurteilen heißt Anstrengung, heißt nachdenken, prüfen, abwägen. Bedeutet Aufwand und Arbeit. Es ist so einfach, sich treiben zu lassen im Strom der Informationen, sich von Videos etwas vormachen lassen, sich einfach freuen, wenn sich andere freuen, sich einfach empören, weil es auch andere tun.
Selbst Fotos kann man nicht immer glauben. Wer weiß, was man technisch alles machen kann, weiß, wie ein Elefant gemütlich in einem Porzellanladen stehen  und auch noch rosa sein kann. Auch das muss man sich vor Augen halten. Es geht – fast – alles.

Beurteilen kann auch heißen, der Quelle einer Information zu vertrauen, zu glauben und fürwahr halten. Aber dieses Vertrauen in eine Quelle ist auch schwieriger geworden, mit Recht relativiert und jeder kann anhand der Geschichte gelernt haben, dass blinder Glaube an Obrigkeit oder Autoritäten auch eine gefährliche Sache sein kann.

Bei der Verwendung des Begriffs glauben muss man sich vor Augen halten dass man einen Sachverhalt hypothetisch für wahr hält aber zugleich die Möglichkeit einer Widerlegung offenlässt, wenn sich die Vermutung (der Sachverhalt) durch Tatsachen oder neue Erkenntnisse als ungerechtfertigt herausstellt.  Glauben bedeutet auch eine nicht zwingend logische Beurteilung einer Sache und ist auch nicht notwendig objektiv begründet. Glauben wird auch oft in der Bedeutung von „jemandem vertrauen“ gebraucht, was dann nicht so sehr ein Vermuten über Sachverhalte, sondern primär eine zwischenmenschliche Beziehung ausdrückt, in der sich eine Person vom Geglaubten her leiten lässt. Dann wird jedoch auch zum Ausdruck gebracht, dass man eine Meinung der angesprochenen Person übernimmt (ihr also vertraut), ohne diese Meinung jedoch selbst überprüft zu haben.

Glauben unterscheidet sich von Wissen. Wissen wird in der Erkenntnistheorie traditionell als wahre und gerechtfertigte Meinung (englisch justified true belief) bestimmt. Generell wird Wissen als ein für Personen oder Gruppen verfügbarer Bestand von Fakten, Theorien und Regeln verstanden, die sich durch den größtmöglichen Grad an Gewissheit auszeichnen, so dass von ihrer Gültigkeit bzw. Wahrheit ausgegangen wird. Paradoxerweise können daher als Wissen deklarierte Sachverhaltsbeschreibungen wahr oder falsch, vollständig oder unvollständig sein.

Ausgehend von tagesaktuellen, auch politischen Ereignissen kann man noch ein weiteres Phänomen beobachten: Das Schubladendenken.

Ich teile, vor allen Dingen Meinungen und Äußerungen von Menschen in Schubladen ein, denen ich vorher eine klare Wertigkeit zugewiesen habe: richtig, falsch, politisch rechts, politisch links. Das erfordert dann kein Nachdenken mehr, ein Ereignis oder eine Meinung ist sofort abgestempelt und muß nicht mehr hinterfragt werden.

Besonders gut funktioniert das Verfahren wenn eine politisch korrekte Schubladenbildung zum Masstab der Beurteilung von Ereignissen wird: dann braucht überhaupt nicht mehr nachgedacht zu werden, – das wird dem Empfänger einer Information oder eines Sachverhalts suggeriert – weil es klar ist wohin die Meinung oder der Sachverhalt gehört. Die mantraartige Bekräftigung dieser Schubladeneinordnung vieler, vorwiegend politisch tätiger Menschen und deren Protagonisten in der Medienlandschaft hat den Sinn zu verhindern, dass Fragen gestellt werden, dass Auseinandersetzung stattfindet und andere Meinungen überhaupt nur geäußert geschweige denn diskutiert werden können. Für den Empfänger einer Meinung hat eine Übernahme dieses konsenshafte Einordnung noch den großen Vorteil dass, wenn er der Einordnung zustimmt, er „auf der richtigen Seite“ ist, auf der Seite einer vermeintlichen Mehrheit, auf der Seite der „Guten“.

Besonders kritisch ist diese Schubladendenken wenn es darum geht wie Menschen anderen Glaubens in Deutschland behandelt werden. Es ist nur schwer möglich, kritisch über Parallelgesellschaften und Auswirkungen auf das öffentliche Leben, über Zuwanderung und Einwanderung zu diskutieren ohne sofort in die Schublade „rechts“ zu geraten, wenn Entwicklungen kritisch hinterfragt werden. Wenn über Zuwanderung und die Integration kritisch gesprochen wird, wird nicht automatisch der Mensch, der eine Religion praktiziert, ausgegrenzt sondern hinterfragt, ob das Handeln und das Leben von Menschen in religiöser Gemeinschaften die Gesetze unseres Staates respektieren, oder die Gesetze ihrer Religion über die der demokratischen Ordnung stellen.

Die Macht der religiösen Zugehörigkeit in Gesellschaften sehen wir täglich in außereuropäischen Staaten, vor der Gewalt der Durchsetzung der Religion und deren Vorschriften erschrickt jeden, der die Vorzüge einer säkularen Gesellschaft verstanden hat, bis ins Mark.

Diese Trennung von Kirche und Staat ist eine der wichtigsten Errungenschaften unserer demokratischen Gesellschaften und die einzige, die Religionsfreiheit garantiert.

Das deutsche Grundgesetz sichert die Religionsfreiheit in Art. 4 Absatz 1, 2:
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Wenn man nun das Recht auf Meinungsfreiheit und die Religionsfreiheit zusammenbringt, entsteht in keiner Weise eine Diskriminierung von Angehörigen einer Religionsgemeinschaft. Die Diskriminierung einer Religion kann nur von denen als solche empfunden werden, die Ereignisse, Meinungen, Äußerungen und Handeln von Andersdenkenden als Bezug und Handeln gegen ihre persönliche religiöse Überzeugung sehen. Das bedeutet aber auch, dass diese Gruppen damit fordern jedliches Handeln ihren Religionsgesetzen zu unterwerfen. Ein Mensch kann doch nur sagen, dass seine Religion beleidigt wird, wenn er glaubt, dass sie die alleinige richtige ist und damit seine Sicht auf die Welt durch den Fokus seiner Religion. Damit wird jede andere Weltsicht, egal zu welchem Thema, ausgeschlossen.

In Deutschland leben Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft, unterschiedlicher Religion, unterschiedlicher Sozialisation. Das ist gut so, denn es macht uns alle reicher und öffnet Horizonte, bietet Chancen durch Unterschiedlichkeit.  Das ist aber nur gut, wenn das Zusammenleben auf der Basis der demokratischen Grundordnung passiert.

Parallelgesellschaften sind in unserem Land entstanden durch die kritiklose Akzeptanz einer „Multikulti – Theorie“, die zu spät wahrgenommen hat, welche Folgen es hat wenn zum Beispiel hingenommen wird, dass kein Deutsch gelernt wird, Integration verweigert wird, patriarchalische Verhaltensweisen die Bildung und die Entfaltung von Mädchen nicht zulassen und jungen Männer ermöglicht ohne Bildung und Perspektive aufzuwachsen und sich religiös zu radikalisieren. Bestimmt ist die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts zu spät begonnen worden, bestimmt sind zu spät Maßnahmen ergriffen worden, Frauen stärker für die Bildungskarriere ihrer Kinder zu integrieren, aber genauso bestimmt ist nicht die Gesellschaft daran schuld, wenn vorwiegend junge Männer mit Defiziten in Bildung und Perspektiven sich radikalisieren, ausreisen und Menschen köpfen.

Es ist leider passiert, dass der politische Islam in Deutschland Fuß gefasst hat, ein Islam, der die Befolgung der Regeln der Religion im öffentlichen Bereich einfordert. Nur so ist zu erklären, dass bei jungen Moslimen ein radikaler Antisemitismus auftritt, der erschaudern lässt. Auch Antisemitismus von Deutschen lässt uns erschaudern und muss intensiv bekämpft werden, aber eben auch der Antisemitismus von Moslems. Die Quellen des Hasses sind hier andere und haben eine breite religiös gerechfertigte Basis. Und müssen nicht auch extrem „linke“ und auch gewaltbereite Positionen bekämpft werden? Muss nicht jeder Extremismus bekämpft werden?

Automatisch benutzt man hier den Begriff „bekämpfen“. Was bedeutet das? Es bedeutet verbale Auseinandersetzung, Angebote zur Überprüfung der eigenen Meinung und Angebote andere Erfahrungen zu machen und schließendlich rechtsstaatliche Mittel. Kein Kampf mit Eiern, Pflastersteinen, Farbbeuteln geschweige denn mit Waffen.

Es gibt Tendenzen, unsere freiheitliche Demokratie nicht zu verteidigen, sondern den kruden Forderungen vorauseilend zu gehorchen um Konflikte zu vermeiden. Keine Karikaturen drucken – Moslime könnten sich beleidigt fühlen – keine Bekenntnis zum Rechtsstaat fordern, – das könnte als Generalverdacht gegen alle Moslime verstanden werden -, Aussetzung von Schwimmunterricht und Klassenfahrten für moslemische Mädchen,- das könnte die Religion beleidigen -, zeitweise Schließung eines Jugendhauses (Frankfurt, Gallus) – Jugendliche fanden die Kleidung des weiblichen Personals zu offenherzig -, Richter zeigen Rücksichtnahme bei Entscheidungen über Ehescheidung und Erbrecht für „die Scharia“, Statistiken weisen bei Jugendkriminalität die Herkunft nicht nach.

Wenn die „Political Correctness“ verhindert, dass über das Vorstehende, über den politischen Islam, über Salafismus und Hassprediger in Moscheen überhaupt gesprochen werden kann, ohne in die „rechte“ Ecke gestellt zu werden, ohne dass man der Diskriminierung von Zuwandern bezichtigt wird, dann stimmt etwas nicht mit der Auseinandersetzung in einer demokratischen Gesellschaft.

Ich beurteile einen Menschen nicht aufgrund seiner Religionszugehörigkeit sondern aufgrund dessen was er tut.

Es gibt Menschen, die dazu neigen, Gruppen in Schubladen zu packen und Gefahr für sich selbst darin zu sehen. Natürlich gibt es Menschen, die Fremde diskriminieren. Aber Fremdenhass hat noch andere Wurzeln.
Vom Gefühl, dass Fremdsein eine Gefährdung darstellt, bis zu dem Gefühl, dass Fremdsein die eigene sozialen Existenz bedroht, bedarf es noch der Verstärkung der eigenen Ohnmacht und der Einschätzung, dass niemand zuhört, die Ängste nicht wahrnimmt, sie abtut und als nicht erwünschtes Verhalten abqualifiziert. Erst dann entsteht das Problem, von dem gesagt wird, es würde dem Ansehen von Deutschland schaden.

Kann das denn sein, dass politische Kräfte die Auseinandersetzung ablehnen, weil sie „mit solchen Elementen“ nicht sprechen wollen? Wer in einer Schublade einsortiert ist, mit dem brauche ich mich nicht auseinanderzusetzen?
Muss nicht vielmehr die Diskussion, die Gesprächskultur auf allen Ebenen verstärkt werden um diejenigen, die „den Untergang des Abendlandes“ befürchten, davon zu überzeugen, dass nicht automatisch alle Menschen einer anderer Religion die Ursache der Entwicklungen sind, sondern nur durch die Zusammenarbeit aller gesellschaftlicher Gruppen radikalisierte Islamisten bekämpft werden können. Dass wir nur alle zusammen unsere Demokratie schützen können, eine Demokratie die durch ihre Säkularisierung die Religionsfreiheit schützt. Das dürfen wir auch von allen einfordern.

Wir müssen wieder mehr zuhören, auch denen, deren Ansichten wir nicht teilen, miteinander diskutieren, leidenschaftlich für die Demokratie, die Meinungsfreiheit und die Religionsfreiheit aber auch für das Recht und das Grundgesetz eintreten und uns nicht einlullen lassen von denen, die die Schubladen weich auspolstern, uns glauben machen es wäre das Beste ihnen kritiklos zu folgen, uns glauben machen, sie alleine verfügten über die absolute Wahrheit und das absolute Wissen.

Machen wir uns frei von vermeintlicher Meinungsführerschaft, glauben wir weniger, beurteilen wir mehr selbst und werden wieder Menschen mit politischer Meinung!

Ich fordere das Eingreifen in den Meinungsbildungsprozess durch die verbale Auseinandersetzung und die Beendigung der Bequemlichkeit!

Unsere Demokratie braucht die Mitwirkung von allen, von den gewählten politischen Kräfte müssen wir die ständige Auseinandersetzung mit dem Volk einfordern.

Die Politverdrossenheit, das sich nicht mehr vertreten Fühlen vom politischen Personal ist ein sehr gefährlicher Weg für die Demokratie, den Wahlgeschenke nicht beseitigen.

Bringen wir uns wieder mehr ein! Denn es geht jeden an!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s